Die Sonnenuhr am Franzensplatz

Schnitzeljagd und Rätselrallye in Wien

Kaum ein Kaiser hat wohl einen prominenteren Platz als Franz der I. Direkt vor sich, hinter dem Schweizertor, erinnern ihn die Reichsinsignien der Habsburger, die Ornate des Ordens vom Goldenen Vlies und die Broschen und Hofbecher des Burgundischen Erbschatzes an seine stolzen kaiserlichen Vorfahren. Nicht minder bedeutenden, gemahnen ihn zu seiner Linken die Ausgrabungen am Michaelerplatz an die römischen Legionäre, die hier in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt, mutig ihre Lager und das Imperium Romanum verteidigten, bevor sie von den Markomannen und Quaden überrannt wurden. Während sich seine rechte Hand noch sanftmütig Richtung Heldenplatz hebt, wo er der Heldentaten des Prinzen von Savoyen-Carignan – besser bekannt als Prinz Eugen – gedenkt, dreht er unserem heutigen Präsidenten am Ballhausplatz den Rücken zu.


Doch unbeeindruckt von den Herkulesdarstellungen, im Kampf mit dem nemetischen Löwen und mit dem kretischen Stier, von der übergewaltigen Kaiserkrone und von den hell-erleuchteten Fenstern, aus denen sich untertags die Beamten des Reichskanzleitraktes und in der Ballsaison die kostümierten und berauschten Tänzer auf der Suche nach frischer Luft lehnen, fällt der Blick des interessierten Flaneurs jedoch meist auf ein ganz anders Detail, das dem Franzensplatz seinen eigentlich Charme verleiht. Die Rede ist von der Sonnenuhr.


Auch wenn sich der Haupteingang des Amalientrakts (oder auch der Amalienburg) auf der Seite des Ballhausplatzes befindet, bestaunen wir die repräsentative Seite mit dem achteckigen Türmchen und der Sonnenuhr auf der Seite des Franzensplatz. Bereits die berühmte Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sissi) und ihr Gatte Kaiser Franz Joseph I., die hier im 18. Jahrhundert residierten, konnten von der Sonnenuhr aus dem 17. und von der darüber liegende astronomischen Uhr aus dem 16. Jahrhundert, Uhrzeit und Mondphase ablesen. Heute zählen die Kaiserappartements der Amalienburg und die angrenzende Silberkammer zu den Höhepunkten einer jeden Hofburgbesichtigung.

Während heute eine Stunden skrupellos in 60*60 = 3600 Sekunden eingeteilt wird um jeden Moment möglichst wirtschaftlich zu nutzen, vermögen wir es uns kaum noch vorzustellen, wie die Uhren von dreihundert Jahren noch ein wenig langsamer gelaufen sind und das gemächlich bedächtige Fortschreiten des freundlich fingerzeigenden Schattens nur ein leiser Anhaltspunkt war, sobald es für den Wiener wieder Zeit wurde sein mittägliches Schnitzl zu genießen.

Tags: , ,